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Verordnete Bescheidenheit: Usbekistan schränkt Hochzeitsfeiern ein – Dekret zum 1. Januar 2020

UZ_Hochzeitsfeier

Usbekistan folgt dem Beispiel des Nachbarlandes Tadschikistan und hat ein Gesetz zur Beschränkung von Hochzeitsfeiern verabschiedet. Das usbekische Parlament möchte somit verhindern, dass sich Familien finanziell übernehmen.

Am 14. September haben die Abgeordneten von Senat und Oliy Majlis ein Gesetz verabschiedet, das den Hochzeitsfeiern in Usbekistan gewisse Beschränkungen auferlegt. Wie Fergana-News berichtet gelten die Restriktionen nicht nur für Hochzeiten, sondern auch für Begräbnisse und andere feierliche Rituale.

Das Gesetz, das auch „Gesetz der Bescheidenheit“ genannt wird, wurde passenderweise am „Tag der Bescheidenheit" verabschiedet und soll am 1. Januar 2020 in Kraft treten. Laut Gazeta.uz folgt es auf verschiedene Äußerungen von Staatspräsident Shavkat Mirziyoyev, der stets die Notwendigkeit betonte, familiäre Rituale zu rationalisieren und Protzerei und Verschwendung zu verhindern.

Maximal 200 Gäste
Das Gesetz, das in den Regierungsbüros aber auch in den sozialen Netzwerken ausgiebig diskutiert wurde, besteht aus vier wesentlichen Punkten. Erstens müssen die Feiern tagsüber zwischen 6 und 23 Uhr organisiert werden. Der Mahalla-Ausschuss, der Gemeindeverband der EinwohnerInnen, muss mindestens eine Woche im Voraus über die Feierlichkeiten informiert werden. Eine weitere Einschränkung gilt für das Verteilen des Plovs. Dieser wurde ursprünglich um 5 Uhr morgens angeboten, soll nun aber erst zu dem Zeitpunkt ausgeteilt werden, zu dem die von den örtlichen Behörden erlassenen Vorschriften dies vorsehen. Diese Zeiten sind je nach Region verschieden.

Außerdem beschränkt das „Gesetz der Bescheidenheit“ die Anzahl der Gäste bei Hochzeitszeremonien auf maximal 200. 50 weitere dürfen vom Plov essen. Wenn in Usbekistan eine Veranstaltung mit mehr als 50 TeilnehmerInnen geplant ist, ist eine Vereinbarung mit einem Restaurant, einem Bankettsaal oder einem Café erforderlich. Diese Restriktion gilt allerdings nicht für Begräbnisse.

Ethische Regeln und eine limitierte Anzahl an Autos
Das Gesetz enthält auch Regeln zu den Zeremonien des „Kelin kuyev chakirdi“, „Ota-Kurdi“ oder „Tora Juborish“. Dabei handelt es sich um eine Feier für den Bräutigam im Haus seiner Frau, um eine Übergabe von Geschenken seitens des Vaters der Braut direkt an den Bräutigam oder um ein gemeinsames Essen und einen Austausch von Geschenken zwischen den Frischvermählten. Das Gesetz sieht Aufklärungskampagnen vor, um sicherzustellen, dass diese Traditionen respektiert werden, dabei aber nicht von ihrem ursprünglichen Sinn abweichen und zu unbedachten Ausgaben und in der Folge zu Schulden führen.

Usbekische Hochzeiten sind sehr teuer
Die letzte Einschränkung betrifft die Anzahl der Hochzeitsautos. Diese darf drei Wagen nicht überschreiten. Allerdings gibt es keine Anweisungen in Bezug auf Fahrzeugtyp oder Farbe, Limousinen sind also zulässig.

Die Überwachung der Regeln soll den Abgeordneten, den Vorsitzenden der Mahalla-Ausschüsse und den InspektorInnen des Innenministeriums obliegen. Darüber hinaus sollen nach Angaben von Fergana-News demnächst „Bezirkspolizeioffiziere“ wirken. Diese werden von Amts wegen eingeladen, zählen die Anzahl der Gäste, folgen dem Hochzeitskorso auf seinem Weg und sorgen dafür, dass alle um 23 Uhr nach Hause gehen.

Ein Gesetz nach tadschikischem Vorbild
Wie Fergana News berichtet, geht das usbekische Gesetz auf ein tadschikisches Vorbild zurück. Tadschikistans Präsident Emomali Rahmon hatte im Nachbarland bereits 2007 ein entsprechendes Gesetz initiiert und unterzeichnet. Seitdem wird es gewissenhaft umgesetzt und die Anzahl der Gäste und die Ausgaben werden eingeschränkt. Diese Regeln gelten für alle „toi“ – Feiern, die die wichtigsten Etappen des tadschikischen Lebens markieren, wie Hochzeiten, Geburten und Geburtstage.

Das „Gesetz zur Regelung der Traditionen" beschränkt die Zahl der Gäste auf 150 bei Hochzeiten und 60 bei der Beschneidung eines Kindes oder einem muslimischen Ritual. Ursprünglich wurde das Gesetz eingeführt, um Familien zu schützen, die ihr gesamtes Kapital ausgeben, um ihren Ruf zu bewahren. Früher gab es Feiern, bei denen bis zu 1000 Personen zusammenkamen. Familien, die heute mehr als die erlaubte Anzahl an Personen einladen, werden mit hohen Geldstrafen belegt.

Trotz allem hat das Verbot eine Schwachstelle, die die TadschikInnen gerne nutzen. Im benachbarten Kirgistan unterliegen Hochzeiten keinen Beschränkungen und so hat das Land eine Soft-Power-Karte auf der Hand. Trotz der Spannungen zwischen den beiden Ländern, die im Fergana-Tal zu zahlreichen Toten geführt haben, reisen tadschikische Brautpaare und ihre Verwandten gerne ins nördliche Nachbarland. Tadschikische Familien aus Chudschand, im Norden des Landes, kommen ins benachbarte Kirgistan, auch wenn man 2.000 US-Dollar allein für die Miete des Veranstaltungsorts zahlen muss. Die Preise sind lächerlich im Vergleich zu denen in Tadschikistan und darüber hinaus sind die Preise für das tägliche Leben in Kirgistan niedriger, was viele TadschikInnen dazu verleitet, viel zu konsumieren.

Aufgrund des neuen Gesetzes in Usbekistan könnte Kirgistan noch mehr Hochzeitsfeiern seiner Nachbarn erleben. Die Wahrscheinlichkeit ist um so größer, da es insbesondere rund um die Stadt Osch im Süden des Landes eine bedeutende usbekische Minderheit gibt.

Quelle/Foto: novastan.org/ Louis Levêque, Redakteur bei Novastan
Aus dem Französischen von Robin Roth

Empfohlene LINKS:
Geschichtliche Entwicklung und heutige Bedeutung der Mahalla in der usbekischen Gesellschaft
WIKIPEDIA: MAHALLA


Kommentar zum Dekret des Präsidenten, das ab 1.1.2020 umgesetzt wird
Hochzeiten zählen in Usbekistan zu den traditionell besonderen gesellschaftlichen Ereignissen und Werten, werden seit Jahrhunderten als Gründung der neuen Familie vielseitig und je nach Region des Landes sehr unterschiedlich gefeiert. Meist in der Mahalla, der Gemeinde oder eines Bezirks in einer Stadt. Mit Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs seit der Unabhängigkeit hat sich auch die Ausführung der traditionellen Hochzeit verändert. Eine usbekische Hochzeit zählt zweifelsohne zu den schönsten Erlebnissen, es wird im Kreis der Familie, mit Freunden, Nachbarn, Bekannten, … zufällig eingeladenen Gästen, ausführlich und vergnügt gefeiert!

Dies hat nicht nur erfreuliche Aspekte sondern auch ernste Konsequenzen: Aufwendungen für Hochzeitsfeiern wurden im Laufe der Zeit immer mehr und mit allem nur denkbarem an Ausstattung, Räumlichkeiten, Hochzeitsmenüs, an repräsentativen Status und durch künstlerische Darbietungen ausgeschmückt und dadurch immer teurer, luxuriöser. So war/ist es an nachvollziehbar, dass jedes Hochzeitspaar, den Familienangehörigen, Nachbarn ein noch größeres und noch schöneres Fest präsentieren wollte. Diese Entwicklung führte zwangsläufig dazu, dass die hohen Kosten hierfür mit immer mehr Krediten abgedeckt werden mussten.
Manche Familie zahl(t)en dafür Jahrzehnte an Angehörige und an Banken Kredite zurück!. Bedenkt man zudem, dass in der Bevölkerung, in den Städten 2-3 Kinder geboren werden, in ländlichen Bereichen 4-5 Kinder üblich sind, so wird schnell klar, welche finanziellen Folgen üppige Hochzeitsfeier für die Familien, Angehörigen haben. Bedauerlicherweise gibt es auch in den ersten Ehejahren immer mehr Scheidungen, so dass sich die Situation verschärft, gelegentlich „eskaliert".

So ist es nur zu verständlich, dass der Staat sich mit „ausufernden Formen" von Feierlichkeiten befassen musste und Wege sucht, einer verschwenderischen Verschuldung entgegenzuwirken. Ohne Zweifel, ist es sinnvoller finanzielle Mittel in die Gründung, Stabilisierung junger Familien, in die Ausbildung künftiger Generationen zu investieren, als in eine „einmalige Party". Das Dekret des Präsidenten zum 1.1.2020 ist keine restriktive Einmischung des Staates in private Angelegenheiten, sondern ein Appell an die Verantwortlichkeit der Familien, ein Aufruf zur Vernunft und Rückbesinnung auf die Wurzeln echter usbekischer Traditionen, Wertschätzung der Familie.

Langfristig ist die Umsetzung des Dekrets ein gesellschaftlicher Gewinn, von dem alle profitieren werden. Es gilt Familien wirtschaftlich abzusichern, Kindern eine solide Erziehung und Ausbildung zu gewährleisten. Es liegt an der Politik die Bevölkerung auf den gesellschaftlichen Wandel hinzuweisen und mit Mechanismen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken. Freude, Vergnügen und Spaß sind motivierende Faktoren, stehen ausser Frage, aber wer will Teil einer „Spassgesellschaft" sein, ohne Zukunftsperspektiven für Bildung, Beruf zu haben ?

GERHARD BIRKL

YOUTUBE: Traditionelle Hochzeitsbegrüssung - Karnayspieler

YOUTUBE: Usbekische Hochzeitszeremonie

YOUTUBE: Hochzeit in Samarkand

YOUTUBE: Hochzeit in Usbekistan/ Trailer

​Restaurant Taschkent, Foto: G. Birkl

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Geschichtliche Entwicklung und heutige Bedeutung der Mahalla in der usbekischen Gesellschaft

UZ_Mahalla_Ältestenrat
Die Einrichtung einer Mahalla geht auf eine jahrhunderte Jahre lange Erfahrung und Entwicklung zurück, war im Osmanischen Reich die kleinste Verwaltungseinheit. Es handelt sich um eine offizielle Verwaltungseinheit. In den islamischen Ländern Nordafrikas, des Vorderen Orients, Zentralasiens und Südasiens ist eine Mahalla ein eine institutionalisierte Selbstverwaltung in einem Dorf, einer Stadt, eine lokale Bezirksverwaltung.

In der Regel spielt die Mahalla eine wichtige Rolle mit der örtlichen Moschee, als die wichtigsten sozialen Einrichtungen. Die Mahallas verfügen meistens über einen zentralen Platz, Mahallaverwaltung mit einem eigenen Gebäude. Verwaltung, Mahallaräume, Platz für gesellschaftliche Treffen und gemeinschaftliche Veranstaltungen.

Finanziert werden Mahallas von einem Hokimijat (Stadtverwaltung). Die Mahalla entscheidet selbst über die Durchführung von erforderlichen Maßnahmen z.B. Straßenbau, örtliche Gestaltung, Gartenanlagen, Neubau von Gebäuden etc..

Ähnlich einer Gemeindeverwaltung in europäischen Staaten ist die Mahalla in Usbekistan ein eigenständiger Verwaltungsbereich, der traditionell seit Generationen für gesellschaftliche und soziale Belange der Bevölkerung zuständig ist. In der usbekischen Verfassung ist die Aufgabe und Funktion der Mahalla verbrieft.

• Artikel 12. …in der Republik Usbekistan entwickelt sich das gesellschaftliche Leben auf Grundlage der Vielfalt der politischen Institute, Ideologien und Meinungen.
• Artikel 15. … der Staat, seine Organe, Amtspersonen, gesellschaftlichen Vereinigungen und Bürger handeln in Übereinstimmung mit der Verfassung und den Gesetzen.
• Artikel 105. … die Selbstverwaltungsorgane in den Siedlungen, Kischlaks und Aulen und in den Machalljas der Städte, Siedlungen, Kischlaks und Aule werden durch die Bürgerversammlung gebildet, die für eine Frist von 2,5 Jahren einen Vorsitzenden (Aksakal) und seine Ratgeber wählt.
Das Wahlverfahren, die Tätigkeitsordnung und der Umfang der Befugnisse der Selbstverwaltungsorgane werden durch das Gesetz festgelegt.

Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht
„...seit 1993 bemühen sich Behörden, in allen Dörfern und städtischen Nachbarschaftsgemeinden Usbekistans Mahallah-Büros zu eröffnen. Diese Büros werden von einem staatlich besoldeten Vorsitzenden (Rais) und einem Sekretär (Kotib) geleitet, die von der Bürgerversammlung für jeweils zweieinhalb Jahre gewählt werden und für die Verteilung staatlicher Sozialleistungen unter den armen und bedürftigen Bewohnern zuständig sind. Außerdem sollen sie sich auch um das lokale Gemeinschaftsleben, wie etwa Hochzeiten, Schulen, Straßen, Streitschlichtung, der Mahallah kümmern. Die Büros übernehmen damit Aufgaben, die früher von den Aksakalen und den Ältestenräten wahrgenommen worden waren. Die "Mahallisierung" Usbekistans kann als Versuch begriffen werden, die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft (Lokalgemeinschaften) zu schließen oder zumindest zu verringern und in der Rechtskultur und im Rechtsbewusstsein des Volkes verankerte traditionelle Rechtsregime und Institutionen wie beispielsweise die Autorität der Aksakale in die geltende Rechtsordnung zu integrieren.„
https://www.zaoerv.de/

Der Vorstand einer Mahalla
Das Amt des Vorsitzenden (turksprachlich Muhtarlık) wurde entwickelt, um in Dorfgemeinden oder in einer Mahalla einige staatliche Aufgaben zu übernehmen. Der Leiter wird in Usbekistan alle zweieinhalb Jahre gewählt. Er übernimmt in seinem Amtsbereich Aufgaben der öffentlichen Verwaltung. Ihm zur Seite steht ein Ältestenrat, aus gewählten Mitgliedern sowie - in den Dorfgemeinden - der Dorfschullehrer und der örtliche Imam als „natürliche Mitglieder" angehören. Beim Vorsitzenden, Stellvertreter sowie beim Ältestenrat handelt es sich ehrenwerte, geachtete Persönlichkeiten einer Mahalla, meistens um ältere, lebenserfahrene Personen.

Der Vorsitzende einer Mahalla hat eine Vorbildfunktion. An ihn werden kommunikative Fähigkeiten vorausgesetzt, einwandfreien Charakter, ein selbstsicheres Auftreten, er verfügt über eine solide höhere Bildung und Berufsqualifikation, hat Lebenserfahrung, ist meistens über 50 Jahre alt, häufig im Pensionsalter. Von ihm sind juristische Erfahrungen erwünscht, er nimmt regelmässig an Fortbildungen, Seminaren Teil. Die Mitglieder einer Mahalla bestimmen den Leiter aus ihren Reihen und wählen diesen für 2 1/2 Jahren zum Vorsitzenden.

Der älteste Einwohner in einer Mahalla geniest in der Bevölkerung ein besonderes hohes Ansehen, Anerkennung und Wertschätzung. Nach der offiziellen Wahl des Vorsitzenden ist eine Bestätigung, Zustimmung durch den Ältesten erforderlich. Erst danach kann der Leiter einer Mahalla aktiv werden.

In den Bevölkerung ist der Leiter einer Mahalla eine viel geachtete Persönlichkeit, die sich um alle sozialen Angelegenheiten kümmert, ist Ansprechpartner für Recht- und Ordnung.
Er ist Angestellter der Stadt bzw. eines Bezirks. Es gibt separate Büroräume für Vorsitzende, Sekretär und Berater von Mahalla, Präventionsinspektoren. Häufig ist den Bewohnern einer Mahalla neben der offiziellen Adresse auch für dringende Angelegenheiten die Privatadresse, Kontakte zu den Personen der Mahallaverwaltung bekannt.

Aufgaben der Mahalla und Grösse
Die Mahalla regelt alle lokalen Angelegenheiten, es wird häufig als Nachbarschaftshilfe - Hashar - praktiziert. Es werden soziale- und wirtschaftliche Probleme behandelt, Straßenbau, Renovierungen, Neubau von Mahallaplätzen, Freizeiteinrichtungen besprochen und Anfragen/ Anträge an die Stadtverwaltung gestellt. Beispielsweise werden Mittels Hashar Stadtviertelmoscheen renoviert oder Straßen instand gesetzt, Schulen, Sportplätze, Erholungsplätze, Gemeinschaftsräume eingerichtet. Zum Verwaltungsbereich gehören auch zuständige Ärzte, Geschäfte, der örtliche Basar, vorschulische Einrichtungen.

Zu den sozialen Aufgaben einer Mahalla gehört neben der Unterstützung von Arbeitssuchenden auch Hilfestellung bei der Vermittlung von heiratswilligen Personen.

Im Verzeichnis der Mahalla wird ein selbständiges Familien- und Personenregister geführt, es werden Geburt- und Todesfälle, Haus-Eigentum, Bewohner (auch Hochhäusern, Wohnblocks), Familienbeziehungen verzeichnet. Insbesondere bei Wahlen hat sich dieses System sehr bewährt. Entgegen einer zentralen staatlichen Erfassung in einem Melderegister ist der Datenbestand stets aktuell. Dies ist für die Wahlberechtigung, korrekte Wahldurchführung von grosser Bedeutung.

In jeder Strasse gibt es einen Ältestenrat, dieser erfüllt neben sozialen Aufgaben eine weitere wichtige Funktion. Im Auftrag des Vorsitzenden werden Familien besucht um zum Beispiel über wichtige Gesetzesänderungen zu informieren. Diese Funktion garantiert eine Sicherstellung der Weitergabe von staatlichen Information und Gesetzen.

In jeder Mahalla (Gemeinde/Bezirk) werden regelmässige Treffen für Frauen organisiert. Hier werden familiäre und soziale Themen besprochen. Unter den Frauen gibt es eine Leitung, die als zentrale Ansprechpartnerin für alle Probleme zur Verfügung steht. Zur Klärung von Problemen werden gemeinsamen mit dem Vorsitzenden Lösungen gesucht und Hilfestellungen angeboten. Bei tiefergehende Problemen, z.b. bei Konflikten mit Gesetzen, wird ein Richter hinzugezogen.

Arme und bedürftige Familien können durch die Mahalla unterstützt werden. Es werden Veranstaltungen organisiert, PLOV (Nationalgericht) als gemeinschaftliches Essen angeboten, Tische festlich geschmückt, Musik und Tanz, Unterhaltung angeboten. Alle sind zu diesen Treffen eingeladen, auch Gäste sind immer herzlich willkommen. In einer Mahalla ist immer etwas los - ein lebendiger Ort.

Seit Juli 2018 gibt es eine wichtige Änderung. Pensionisten erhalten nicht mehr über die Post, sondern über die Mahalla ihre Rente von einem Bankangestellten monatlich ausbezahlt. Kranke und körperlich eingeschränkte Personen die zur Abholung verhindert sind, werden persönlich besucht, die Pension VorOrt überreicht. Durch diese Maßnahme wird sichergestellt, dass die jeweilige Person rechtzeitig ihre zustehende Pension erhält und ein sozialer Kontakt aufrechterhalten bleibt. Fragen und Probleme können vor Ort geklärt werden, Maßnahmen besprochen und eingeleitet werden. Dies ist eine besondere Form der Nachbarschaftshilfe, niemand bleibt unbeachtet, ist ein wertvolles gesellschaftliches Mitglied.

Die Größe einer Mahalla kann sehr unterschiedlich sein. Im dörflichen Bereichen sind es mehrere Wohnhäuser, in Städten können es Straßenzüge, viele Wohnungen sein. Derzeit gibt es in Taschkent 11 Stadtbezirke, jeder Bezirk hat mehrere Mahallas. In der Taschkenter Mahalla „Tabassum" leben z.B. mehr als 5.300 Vertreter verschiedener Nationalitäten in 27 Mehrfamilienhäusern.

Gesellschaftliche Bedeutung der Mahalla
Die Mahalla ist neben der Selbstverwaltung auch ein Ort zur Pflege für Kultur und Brauchtum, hier werden Feste wie Hochzeiten, Geburt, Beschneidung, Geburtstage, Jubiläen, Todesfälle, Nawruz (Frühlingsfest), städtische Feiertage, Kurban Hait und Ramadan gefeiert.
Alle Einrichtungen auf dem Territorium der Mahalla dienen für den Zusammenhalt der Bevölkerung, für ein harmonievolles und friedliches Zusammenleben, es geht um Güte und Barmherzigkeit, um die Gemeinschaft weiter zu stärken. Hier kann soziales und gesellschaftliches Verhalten geübt und gelebt, humane Werte und Tugenden entwickelt, gepflegt werden.

In der Mahalla können Jugendliche ihre Freizeit organisieren, soziale Beziehungen entwickeln, sich körperlich, geistig und seelisch für das Leben stärken. Die Gemeinschaft bietet einen Halt, Orientierungshilfe.

Aufgabe der Mahalla-Leitung und gesellschaftliche Stellung
Aufgabe des Leiters einer Mahalla ist es, auf die Sorgen der Menschen in der Mahalla zu achten, ihre Probleme zu lösen, damit die Bürger mit ihrem Leben, der Art und Weise ihres Lebens zufrieden sein können.

Der Vorstand gibt Unterstützung bei familiären oder Nachbarschaftsproblemen, steht bei auch bei Not, Armut unterstützend zur Verfügung. Es werden enge und vertrauensvolle Kontakte zu den Familien, zur Nachbarschaft gepflegt. Dazu gehören z.B. auch Krankenbesuche oder Gratulationen bei Jubiläen, Geburtstagen, Unterstützung bei persönlichen Schwierigkeiten – es wird eine besondere Form der Pflege von sozialen Beziehungen und Nachbarschaftshilfe praktiziert.

Auch bei Problemen mit Strom-Wasserversorgung ist die Mahalla Ansprechpartner, praktisch Alles, was die Menschen direkt oder indirekt betrifft.

Der Vorstand und die Mitglieder der Mahalla-Verwaltung geniessen hohes Ansehen in der Gesellschaft. Es ist daher nicht verwunderlich, selbstverständlich, dass zu allen öffentlichen und privaten Feierlichkeiten aus diesem Kreis Personen ehrenvoll eingeladen werden.

Bedeutung der Mahalla in der heutigen usbekischen Gesellschaft
Die Mahalla spielt in der usbekischen Gesellschaft eine bedeutende Rolle, ist eine wichtige Grundlage für ein funktionierendes Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft mit mehr als 100 unterschiedlichen Nationalitäten und unterschiedlichen Religionen. Hier wird in einem vertrauensvollem Umfeld Gemeinschaftlich Verantwortung übernommen und Konflikte, sowie soziale-, wirtschaftliche- und persönliche Probleme gelöst. Eine funktionierende Zivilgesellschaft besteht im Kern aus einer Familie sowie einem gut funktionierendem, nachbarschaftlichen Zusammenleben. Die Mahalla kann als eine besondere Form der ursprünglichen Großfamilie und Sippe bezeichnet werden.

Seit dem neuen Präsidenten hat die Bedeutung der Mahallas zugenommen. Sie ist eine wichtige Instanz bei der Umsetzung von politischen, sozialen- und wirtschaftlichen Ziele geworden. Es wurde auch verstärkt ein Augenmerk auf die korrekte und zeitnahe Umsetzung von Maßnahmen wert gelegt. Bei der Bevölkerung wird dies als willkommene Verbesserung der neuen Regierung anerkennend geschätzt. Die vom Präsidenten initiierten Reformen tragen somit nicht nur in der Aussenpolitik, sondern bis zur Basis der Bevölkerung fruchtbare Veränderungen.

Das Staatsoberhaupt der Republik Usbekistan Shavkat Mirziyoyev macht sich regelmässig mit dem Leben in einer Mahalla vertraut und spricht mit den Bewohnern. Während der Treffen werden Meinungen über die Reformen der sozialwirtschaftlichen Entwicklung der Region, durchgeführte Arbeiten besprochen.

„Mahalla soll in der Wirklichkeit ein Herd der Kultur und Spiritualität werden, daher ist es notwendig, bei der Bevölkerung, vor allem bei jungen Menschen das Interesse zum Buchlesen zu steigern, lehrt die Heimat zu lieben…", sagte der Präsident Usbekistans bei einem Besuch in einer Mahalla.

Zusammenfassung:
Insbesondere in Zeiten mit Aufkommen von nationalistischen und extremistischen Strömungen ist die Mahalla ein gutes praktisches Beispiel dafür, wie friedliches und harmonisches Zusammenleben in kleineren und größeren Gemeinschaften funktionieren kann. Die Selbstverwaltung einer Mahalla gewährleistet unbürokratische Hilfe, dort wo sie VorOrt erforderlich und notwendig ist, entlastet den Staat, erfüllt eine bürgernahe Brücke zur Staatsgewalt.

Mahalla ist eine lebendige Zelle für die Umsetzung von sozialen und demokratischen Wertvorstellungen, eine solide Basis für eine funktionierende harmonische Gesellschaft, unabhängig von ethischen und religiösen Vorstellungen.

Beitrag/ Foto: Gerhard Birkl
Titelbild: Mahalla - Ältestenrat, Taschkent

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