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Mittelalterliche Bäder in Buchara – Hamam

Buchara_Haman-bozori-cord Mittelalterliche Bäder in Buchara – Hamam
Ein Hamam oder arabisch Hammam (arabisch حَمَّام hammām, ist ein öffentliches Badehaus (Badeanstalt) im arabischen, türkischen und zentralasiatischen Kulturraum und wichtiger Bestandteil der orientalischen Bade- und Körperkultur. Der Hamam ist auch unter den Namen Türkisches Bad oder Orientalisches Bad bekannt. 

Eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten von Buchara, die nicht nur beeindruckend schön geblieben sind, sondern auch ihre Funktionen nicht verloren haben, sind die mittelalterlichen Hamam-Bäder. Die Entstehung der Hamam Bäder hat eine jahrhundertelange Geschichte und Tradition und wurden im Lauf der Zeit zu einem wichtigen Teil der Kultur der Stadt.

Das klassische orientalische Hamam hat eine lange Geschichte, ist ein Nachfolger und  Weiterentwicklung der römischen Bade- und Thermalkultur. Im Unterschied zur westlichen Badekultur hat das Reinlichkeitsgebot im Islam neben hygienischen Gründen eine weitere  Funktion. Einem Moscheebesuch, Hochzeiten und Beschneidungen ging eine rituelle Waschung im Hamam voraus (Ghusl (arabisch غسل ghusl, große rituelle Waschung). 

Das Hamam diente allen Bevölkerungsschichten als gesellschaftlicher Treffpunkt. Auch ohne religiösen Anlass wurden Hamams in Zeiten, als fließendes Wasser keine Selbstverständlichkeit war, gern besucht. Ohne die heutigen Treffpunkte in Restaurants und Cafes oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen etablierte sich das Hamam vor allem für Frauen als Institution des gesellschaftlichen Austauschs. Aufgrund der zeitlichen oder räumlichen Geschlechtertrennung konnten sich Frauen wie Männer ungestört über Privates oder Geschäftliches unterhalten, der hygienischen und kosmetischen Pflege nachgehen oder Bekanntschaften pflegen. Während des Mittelalters verbrachten die Stadtbewohner ihre Freizeit in den Bädern, so dass im ganzen Orient ähnliche Komplexe gebaut wurden.

Mit Aufkommen von privaten Badezimmern im 20. Jahrhundert in den Haushalten verlor das Hamam zunehmend an Bedeutung. Die alltägliche Körperpflege und die rituellen Waschungen konnten auch Zuhause erledigt werden. Aufgrund der stimmungsvollen Atmosphäre und den berühmten Massagen ist das Hamam dennoch bis heute ein beliebter Ort, an dem man den Alltag hinter sich lassen und Geist und Körper entspannen und erholen kann.

Der Historiker Narshakhi erwähnt in seinem Aufsatz "Aufzeichnungen von Narshakhi" (9. Jahrhundert) den alten Brauch, das Badehaus und die Badeeinrichtungen von Buchara zu besuchen. Das Badehaus des Khan war das beliebteste in der Stadt. Der berühmte Arzt ibn Sina, im Westen besser bekannt als Avicenna, erwähnte in seiner Arbeit "Canon of Medical Medicine" die positiven Auswirkungen von Badeverfahren auf den Körper. 

Hamam im Orient 1495  - Gemälde von Kamāl ud-Dīn Behzād (c. 1450 – c. 1535)

Im 19. Jahrhundert galt Buchara als Badezentrum des Landes, hier gab es einstmals 20 Badehäuser (Hamams) und zum Vergleich nur insgesamt 10 in der Hauptstadt Taschkent und Samarkand. Laut der Geschichte, gab es in Buchara viele Basar-Dampfbäder, darunter - Hamam Gavkuscho, Hamam Xadzha Parso, Hamam Sarrafon und das größte und berühmteste von allen - Hamam Bozori Kord (XVII Jhd.). Trotz des ehrwürdigen Alters ist dieses Dampfbad auch heute noch in Betrieb und jeder Besucher kann sich hier sehr gemütlich wohl fühlen.

Die meisten Bäder wurden als Teil der Basarkomplexe gebaut. Speziell für die Herrscher wurden in den Palästen separate Bäder bereitgestellt. Um diese Räumlichkeiten zu warten, wurde ein Stab von Arbeitern eingesetzt, die das ganze Jahr über zu jeder Tageszeit für die Ankunft des Herrschers bereit sein mussten.

Östliche mittelalterliche Badekomplexe waren nicht nur geografisch, sondern auch nach Geschlecht unterteilt. Die Bäder waren stadtweit etabliert, sie wurden in der Nähe von Basaren gebaut und waren berühmt für ihre große Besucherzahl. Die meisten Gebäude in Buchara sind bereits sehr alt, wurden über die Jahrhunderte hinweg in gutem Zustand erhalten, funktionieren immer noch erfolgreich und begeistern weiterhin alle mit Komfort und Service. Traditionell hatten zentralasiatische Bäder nur einen Raum für Wasserbehandlungen. Daher gab es einen separaten Anwesenheitsplan für Männer und Frauen. Besuche von Männern und Frauen wurden streng geplant und hatten eine bestimmte Reihenfolge je nach dem Wochentag.

Der Standardaufbau eines Badegebäudes besteht aus einer Eingangshalle, Umkleidekabinen und Badezimmern. Das Gebäude selbst ist einstöckig und mit einer Kuppel geschmückt. Eine der Bedingungen für den Bau der Bäder war eine günstige Lage für die Stadtbewohner. Sie wurden normalerweise in großen Vierteln, in geschäftsträchtigen Straßen und in der Nähe von Basaren gebaut. Sie befanden sich an den Kreuzungen, in den viel befahrenen Straßen, entlang der Einkaufsstraßen, in großen Wohngebieten und auch am Rande der Stadt. In den Großstädten war der Name „Hamam Kundyzak" sehr berühmt, „ein Eckdampfbad". Das bedeutet, dass die Architekten, Handwerker und Ingenieure während des Baus nicht nur die technischen Details, sondern auch die Bequemlichkeit der Bürger und Zugänglichkeit zum Hamam berücksichtigt haben.

Heutzutage gibt es in Buchara zwei gut erhaltene antike Dampfbäder - ein Männer- und ein Frauenbad. Das bekannteste ist „Bozori Kord“ in der Nähe von Toki Telpak Furushon. Das zweite „Hamam Kundzhak“ befindet sich in der Nähe des berühmten Poi Kalyan-Komplexes. Das Hamam Bozori Kord aus dem 16. Jahrhundert ist das einzige Hamam in Zentralasien, das noch so ursprünglich wie im Mittelalter funktioniert. Es ist nicht nur bei der örtlichen Bevölkerung sondern auch bei ausländischen Besuchern sehr beliebt. Das Hamam Kundzhak wurde während der Herrschaftszeit der Dynastie Scheibaniden (1507 – 1598) erbaut. Dieses Hamam wurde von den Frauen des Emirs und seinen Konkubinen benutzt. Im Hamam gab es auch Gebetsplätze. (siehe rituelle Bedeutung des Hamam - Ghusl). Über fünf Jahrhunderte wurde die ursprüngliche Form des Gebäudes bewahrt. Der Ziegel und der Marmor des 16. Jahrhunderts überstanden die Zeit im ausgezeichneten Zustand.

Man vermutet, dass die Schwimmbäder dieses Hamam mit Silber verziert waren. Silber wirkt antibakteriell und antimikrobiell, der eigentliche Bakterienkiller sind die Silberionen. Diese sind hochreaktiv. Sie unterbrechen lebenswichtige Prozesse an und in den Bakterienzellen und töten die Bakterien letztlich ab. Durch die Verwendung von Silber wurde das Wasser weich und sollte heilend wirken. Kuppelförmige Dachkonstruktionen des Hamam gewährleisten eine konstante Frischluftzufuhr in jedem Raum. Die Frauen, die im Hamam arbeiten, erbten die Geheimnisse des alten Rituals von ihren Großmüttern und Urgroßmüttern, die auch dort gearbeitet hatten.

Hamam - Originalausstattung aus dem Mittelalter, 16. Jahrhundert

Der englische Reisende, Diplomat und Botschafter Anthony Jenkinson (1530-1611) berichtete, dass Buchara eine sehr große Stadt mit vielen Backsteinbauten und schönen Gebäuden ist. Er betonte auch, dass die Hamams der Stadt Buchara mustergültig errichtet wurden. Nach Erzählungen der ältesten Arbeiter von Bozori Kord wurde das Bad des Hamams früher mithilfe eines Kupferkessels erhitzt. Das Wasser des Kessels wurde mit einer einzigen riesigen Kerze von einem Durchmesser von 1 Meter erhitzt. Solche Kerzen wurden aus Leder, dem Fett des Pferdes und dem Fett des Kamels hergestellt. Ihr Docht wurde aus besonderer Seide angefertigt.

Früher funktionierten die Hamams rund um die Uhr und wurden in der Nacht mithilfe von Handlampen beleuchtet. Am Tag wurden diese Errichtungen dank der Öffnungen von den Kuppeln natürlich erhellt. Männer konnten sich im Hamam rasieren und die Haare schneiden lassen. Neben der Wichtigkeit der Gesamtwaschung, rituelle Reinigung im Islam wurden in manchen Badehäusern, insbesondere in den größeren Bädern, ein muzayyin (arabisch ُمزَين ‚Barbier') beschäftigt. Männer konnten sich im Hamam rasieren und die Haare schneiden lassen.

Gesundheitsfördernd und heilende Anwendungen

Wie vor 500 Jahren besteht ein modernes Hamam auch heute aus einem Umkleideraum, einem kuppelförmigen Saal "Miensarai" und einem Raum "Poyshoykhona", wo es möglich ist, das Ritual des Waschens der Füße zu praktizieren. In der gewölbten Halle gibt es einen Raum "Garmkhona", einen Raum "Hunukhona", einen "Mehrab" (Ort für Gebete) und einen großen Marmortisch für Massage. Heute wird das Gebäude mit Gas erhitzt. Die lokalen Dampfbäder, Hamams bieten verschiedene Massagen an. Im Badehaus wird aromatischer grüner Tee serviert, es gibt einen Ruheraum.

Hamam - Bozori Kord - Mittelalterliches Baden - Entspannung für Körper und Geist

Erholung für Körper und Geist
Der Besucher erhält ein sauberes Badetuch, Lunga (ein Laken zum Einwickeln des Körpers für das Dampfbad) und Sandalen. Die Böden sind aus Marmor, daher ist es gefährlich barfuss zu gehen, es besteht die Gefahr des ausrutschens. Außerdem ist es an einigen Stellen heiß.

Während der Wellnessanwendungen muss zuerst der Körper langsam erwärmt werden. Hier gibt es Aktionen wie Peeling und Skaten mit seidenen Beuteln, genannt "Haltacha". Seit dem 16. Jahrhundert wird diese Technik unverändert angewandt. Dabei wird zuerst die Prozedur der Reinigung der Haut durchgeführt. Nach dem Peeling wird mit heißem Wasser abgewaschen, es folgt dann eine angemessene Ruhepause, um sich zu erholen. 

Als nächster Schritt kommt eine Körpermassage unter Verwendung von duftenden Seifen und Öl zur Anwendung. Die klassische Olivenölseife eignet sich besonders gut zur Herstellung von Seifenschaum mit dem Schaumbeutel und trägt daher verdient den Namen Hamam-Seife. Es gibt Olivenölseifen mit verschiedenen Düften, wie Rose, Lavendel, Kamille und Bergamotte. Nicht nur für die Reinigung gedacht, sondern auf zum Beleben der Sinne.

In den Hamams werden verschiedene Massagen Angeboten, therapeutische-, entspannende- und klassische Massagen. Eine Massage dauert ca. 25 – 30 Minuten.

Vorbereitung der Maske, duftende Olivenölseifen und Öle

Anschliessend an die entspannende Massage wird eine spezielle Maske auf den gesamten Körper aufgetragen. Diese Maske enthält Zutaten wie Ingwer, Honig, Kurkuma und Eigelb. Diese Maske hat entzündungshemmende Eigenschaften, wirkt gut auf die Gesundheit, fördert die Durchblutung und verjüngt die Haut. Dann folgt wieder die Umspülung. Während der Prozedur wird ein berühmter Kräutertee aus 7 Kräutern gereicht. Dieser Tee löscht den Durst und stärkt den Organismus.

Hamam für Frauen, rituelle Reinigung und Entspannung

Hamam gilt als jahrhundertealte Tradition bucharischer Frauen. Nach der Geburt eines Kindes kommen die Frauen hierher, um sich zu entspannen und regenerieren. Im Hamam halten sich Schwangere und Frauen, die Kinder zur Welt gebracht haben, für spezielle Übungen zur Entspannung ("Chillia Doura") auf. Ziel ist es, den Körper der Frau nach der Geburt wieder zu stärken. Frauen nach der Geburt werden mit speziell abgekochten Kräutern gebadet. Es ist Tradition, dass Frauen an jedem Freitag vor dem Gebet zum Hamam kommen.

Buchara Hamam, Massageraum

Wer einmal ein Hamam besucht, kann viele positive Eindrücke bekommen. Die Gäste erwartet eine angenehme Atmosphäre orientalischer Gastfreundlichkeit. Die Besucher erhalten interessante historische Eindrücke aus dem Mittelalter und können die architektonischen Meisterleistungen bewundern. Hier können Reisende einfach eine angenehme Zeit mit Nutzen für Körper und Seele verbringen und sich von Strapazen erholen. 

Die Kombination aus warmer Atmosphäre, hilfsbereitem Service, herrlich duftendem Weihrauch, der einem die Sinne verzaubert, ist einmalig. Der romantische Geist des Orients befindet sich noch immer in den Wänden von bucharischen Dampfbädern. Der Besuch eines Hamam wird zu einem unvergesslichen Erlebnis einer Usbekistan Reise.

Das Hamam ist an allen Tagen der Woche - außer dienstags - von 7.00 bis 15.00 Uhr geöffnet.
Besucher sind herzlich eingeladen die traditionelle Wellness aus dem 16. Jahrhundert kennenzulernen.

G. Birkl; Fotos: Tripadvisor

Empfohlene LINKS:

WIKIPEDIA - Hamam | Narshakhi | ibn Sina (Avicenna) | Kanon der Medizin
Buchara - Kalon-Minarett | Schaibaninden | Anthony Jenkinson |
Behzād - Meister per persischen Malerei | Kamāl ud-Dīn Behzād - (Timurid Empire)
Ghusl - rituelle Reinigung | Madrasah - Die rituelle Ganzwaschung nach Hanafi

WIKIMEDIA COMMONS: Ancient hammam ruins in Samarkand

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